Ein kleines Licht am 13. Juni

von Heike Sieberns; Vikarin in Damnatz, Langendorf und Quickborn

Weiße Wand

Mein Kreißsaal war umkreist von ner weißen Wand.
Überall um nicht herum war es lange Zeit weiß. Meine Familie, meine Nachbarschaft, mein Sportverein. Braune, blonde und rote Haare zu einer weißen Haut. Einige wurden in der Sonne rot, andere braun und wieder andere blieben blass. Aber niemand um mich herum hatte zu jeder Jahreszeit eine dunklere Hautfarbe. Erst mit der Augsburger Puppenkiste und Jim Knopf bekam ich eine Ahnung davon, dass Menschen noch unterschiedlicher aussehen können, als ich bisher dachte.

Ich bin jung und weiß in nem reichen Land.
Ich hatte bei der Geburten-Lotterie Glück. Geboren in Deutschland. Aufgewachsen an der Nordseeküste mit vielen anderen, die auch den Sechster im Lotto haben. Selbstverständlich kann ich mich frei bewegen. Und ich stehe nicht unter Generalverdacht, faul zu sein. Wenn ich mit Freundinnen im Park sitze, ist das ein nettes und lustiges Treffen am Wochenende. Die Gruppe neben uns, die sich ebenfalls einen netten Abend im Park macht, wird wahrscheinlich anders beäugt. Weil sie farbig sind. Die seien faul und lungerten nur herum. Ließen sich vom deutschen Staat finanzieren.
Zwei Treffen von Freunden. Zur selben Zeit am selben Ort. Zwei Urteile. Urteile, um die niemand gebeten hat. Die auch niemand braucht.

Ich fahr schwarz in nem weißen Land, obwohl ich mir die Reise leisten kann.
Hätte ich schon gut machen können. Als ich mit der Frankfurter U-Bahn unterwegs war, hätte ich dem Kontrolleur auch einen Schmierzettel hinhalten können. Er gucke flüchtig auf den Zettel, den ich ihm zeigte und nickte ab. Ein ausgedrucktes Onlineticket der Bahn. Und er nickte es ab, ohne dass ich des Zettel aufgeklappt hatte. Auch die zwei Männer neben mir holten ein Ticket aus ihrem Geldbeutel. Der Kontrolleur nahm es ihnen aus der Hand und studierte es genau. „Das ist von gestern.“ Die Männer schauten nochmal in ihren Geldbeutel, aber hatten kein anderes Ticket bei sich. „Personalausweis! Und bei der nächsten Station steigen Sie mit mir aus.“

Kein „Bitte“ und kein Angebot, ein Ticket nachzulösen. Die Männer waren Farbige. Der Generalverdacht des Kontrolleurs hatte sich bestätigt: Betrüger. „Schade“, dachte ich, während ich mein gefaltetes Onlineticket wieder einpackte. Gestern hatten sie noch ein gültiges Ticket. 

Ich bin allein mit der weißen Wand und meinem Scheißverstand. Und ich weiß nicht, Mann.
Ich habe es in so vielen alltäglichen Situation einfacher, weil ich weiß bin. Wenn ich Menschen begegne, ist der erste Eindruck mein bester Freund. Mir ist man gegenüber freundlich und offen. Mit einer dunklen Hautfarbe müsste ich gegen diesen ersten Eindruck kämpfen. Müsste den Generalverdacht aus dem Weg räumen, ohne dass er genannt worden wäre.
Es ist nicht damit getan, dass ich sage: „Ich bin keine Rassistin“. Zum Einen stimmt es vermutlich nicht, weil ich auch Vorurteile habe. Und zum Anderen kann ich mehr tun, als diesen Satz zu sagen und die Hände in den Schoß zu legen. 

„Jetzt aber legt auch ihr dies alles ab: Zorn, Wut, Bosheit, Lästerrede und üble Nachrede, die aus eurem Mund kommt! Macht einander nichts vor! Ihr habt doch den alten Menschen mit all seinem Tun abgelegt und den neuen Menschen angezogen, der zur Erkenntnis erneuert wird nach dem Bild seines Schöpfers. Da ist nun nicht Grieche und Jude, nicht Beschneidung und Unbeschnittensein, nicht Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus ist alles und in allen.“ [Kol 3, 8-11]

Als Christin sind mir nicht bloß Gnade und Liebe geschenkt. Christin zu sein bedeutet auch Anspruch. Ich bin ein Teil der christlichen Gemeinschaft und gestalte sie mit. Ich bin keine Zuschauerin und ich bin in dieser Gemeinschaft auch nicht bloß zu Gast. Ich gehöre dazu und handle. Das gilt für alle, die dazugehören. Jeder und jede bringt sich ein. Niemand ist besser oder schlechter. Dafür muss ich einstehen. Damit Wut, Bosheit und üble Nachrede keinen Platz in dieser Gemeinschaft finden. Alle sind gleich. Ganz egal welche Hautfarbe uns schmückt. Daran will ich erinnern. 

Ich bin jung und weiß in nem reichen Land. Das scheint einige Menschen zu Richtern zu machen. Zumindest gegenüber denjenigen, die anders aussehen.
Ich möchte Anwältin sein. Um für ein Urteil ohne Vorurteil zu streiten. Ein Urteil, das lautet: Da ist nicht Grieche noch Jude; nicht Weiße noch Schwarze. Da ist ein Mensch nach dem Bilde Gottes.

Das achtundachtzigste kleine Licht.
Bleiben Sie behütet.
Ihre Vikarin Heike Sieberns

 

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

„Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an heike.sieberns@evlka.de.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.