Ein kleines Licht am 21. Mai

Gott doch finden

Der folgende Text ist eine ältere Himmelfahrtspredigt von mir, die ich für die Telefonandacht des Kirchenkreises neu überarbeitet und aufgenommen habe. Sie können Sie anhören oder lesen.

Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin war der erste Mensch der im Jahre 1961 mit Hilfe einer Rakete die Erde verließ. Sein Raumflug dauerte eine Stunde und 48 Minuten. Das war damals ein großer Triumph der Technik. Juri Gagarin war der erste Mensch, der die Welt von außen betrachtete.

Vielleicht war es der Übermut angesichts der eigenen Leistung, vielleicht war es ein vorgegebener Satz der sowjetischen Propaganda, auf jeden Fall wird Juri Gagarin der folgende Satz zugeschrieben: „Ich bin durch den Himmel geflogen, aber Gott bin ich da oben nicht begegnet.“

Nun gut, heutzutage könnte man es schon etwas nüchterner betrachten. Inzwischen sind Menschen mehrmals auf dem Mond herumsparziert, mehrere Roboter wurden zum Mars geschickt, unbemannte Sonden fliegen über den Rand unseres Sonnensystems hinaus. In der Raumstation ISS können Astronauten Monate, wenn nicht Jahre lang im Weltraum bleiben. Nicht bloß eine Stunde und 48 Minuten. Teleskope spähen wer weiß wie viele Millionen oder Milliarden Lichtjahre weit in das Universum hinein. Trotzdem hat noch kein Astronaut oder Wissenschaftler dort oben im Himmel Gott entdeckt.

Das ist auch wenig verwunderlich. Der Mensch hat an der Weite des Universums noch nicht einmal gekratzt. Was wir betrachtet aufs Ganze bisher erreicht haben, das ist eigentlich nichts.

Je mehr Wissen die Menschen anhäufen, desto mehr Fragen bleiben offen. „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ – dieser Satz ist Ausdruck höchster menschlicher Weisheit. Erst einer, der sehr viel Wissen angehäuft hat, der erkennt: Es gibt ja noch so viel mehr, was ich nicht weiß.

Einer, der behauptet: Ich habe von allem eine Ahnung und ich hab auch zu allem eine Meinung, der ist nicht besonders schlau. Sondern der ist einfältig. Und wenn ich mir nun diesen Spruch von Juri Gagarin anschaue: „Ich bin durch den Himmel geflogen, aber Gott bin ich da oben nicht begegnet.“ Dann ist das zumindest nicht besonders weise.

Seit vielen tausend Jahren haben sich die Menschen gefragt, wo Gott wohnt. Wo er lebt. Die Bibel hat darauf die Antwort gegeben: Gott wohnt im Himmel.

Natürlich nicht ausschließlich nur im Himmel. Er ist in dieser Welt gegenwärtig. In den Gottesdiensten, im Gebet, im Geschehen dieser Welt, in seinem Heiligtum, er wirkt in der Natur und so weiter und so fort. Aber irgendwie wohnt Gott auch in ganz besonderer Weise im Himmel.

Damit meinten die Menschen aber nicht die blaue Himmelskugel. Nicht die Wolken und was darüber hinaus geht. Sie meinten einen Ort, den Menschen aus eigener Kraft nicht erreichen können. Egal, wie sie es auch anstellen wollen.

Nicht mit hohen Türmen, nicht mit den schärfsten Fernrohren und schon gar nicht mit irgendwelchen Raketen.

Die Engländer beugen diesem Mißverständnis vor. Sie haben in ihrer Sprache zwei Worte für Himmel. Das Wort Sky ist das Blaue über unseren Köpfen, wo die Vögel und Flugzeuge fliegen. Und Heaven ist der Ort, wo Gott wohnt. Zwei verschiedene Worte für zwei verschiedene Sachen.

Für die Menschen früher war diese Unterscheidung zwischen dem einen und dem anderen Himmel nicht so wichtig. Beide Himmel waren für sie unerreichbar. Man konnte auf den höchsten Berg oder den größten Turm steigen – der Himmel blieb immer unverändert weit entfernt.

Heutzutage können wir in Flugzeugen den Erdboden verlassen. Mit Raketen kann man sogar die ganze Welt verlassen. Trotzdem: Die Menschen mit all ihrem Wissen, mit all ihren technischen Möglichkeiten können sich Gott nicht annähern. Juri Gagarin mit seiner Raumkapsel hat an der falschen Stelle gesucht. Er hat den Sky erforscht. Vom Heaven hat er nichts gesehen.

Und dennoch herrscht allgemein ein anderer Eindruck vor. Das Wissen der Menschheit wächst unaufhörlich. Es heißt, es verdoppelt sich alle paar Jahre. 1993 wurde in Göttingen nach etwa drei Jahren Bauzeit die neue Universitätsbibliothek eingeweiht. Die alte war zu klein gewesen, konnte die Mengen der Bücher nicht mehr fassen. Die neue Bibliothek ist großzügig angelegt. Doch in der Zeit von Baubeginn bis zur Fertigstellung des Gebäudes waren schon wieder so viele neue Bücher angeschafft worden, dass die Universitätsbibliothek bereits bei ihrer Eröffnung schon wieder zu klein war.

Das Wissen der Menschen wächst. Wird der Raum für Gott da nicht immer kleiner? Die Menschen können und wissen immer mehr – bleibt da überhaupt noch Platz für Gott oder für seinen Sohn Jesus Christus übrig?

Und diese Frage stellt sich am Himmelfahrtstag noch einmal mit ganz besonderer Schärfe: Hat Jesus Christus, aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes nicht seinen Platz auf Erden geräumt?

Aufgefahren in den Himmel bedeutet zwar keine räumliche Entfernung. Das habe ich ihnen ja bereits gesagt. Aber es bedeutet eine unüberwindliche Distanz für die Menschen. Seit der Himmelfahrt ist Jesus erst einmal weg.

Die Zeiten, in denen Jesus mit seinen Jüngern durch Palästina gezogen ist sind vorbei. Seine Erscheinungen nach Ostern in Jerusalem, Emmaus und Galiläa, die ja in der Bibel immer als leibhaftige Begegnungen geschildert wurden, sind ebenfalls Geschichte.

Sicher, im Gebet, im Gottesdienst und im Abendmahl kommt uns Jesus nahe. Aber Auge in Auge gegenüberstehen können wir ihm nicht. Wir können ihn nicht mehr sehen oder berühren, wir können – und das sage ich in Anführungszeichen – nur noch an ihn glauben.

Diesen Freiraum auf Erden haben die Menschen schnell und gerne gefüllt. Könige und Cäsaren, Kirchenfürsten und politische Despoten haben sich die Welt immer wieder unter den Nagel gerissen. Haben sich zu Herren über die Welt erklärt. Gerade aus der deutschen Geschichte des letzten Jahrhunderts können wir ein Lied davon singen. Die faschistischen und die kommunistischen Regimes haben einen totalen Herrschaftsanspruch über die Welt, wenigstens über ihren Einflussbereich erhoben. Ihrem Führer oder ihrer Partei die höchste Krone aufgesetzt.

Und heutzutage sind es weniger einzelne Menschen, sondern eher Institutionen oder Denkweisen, die eine solche Herrschaft für sich beanspruchen. Wirtschaft und Wissenschaft bestimmen das Denken. Es zählt, was lohnt und was machbar ist. Für Gott ist da kein Platz. Zumindest dort kein Platz, wo er unser Handeln beeinflussen könnte. Die Welt funktioniert, wenigstens was die Ökonomie und die Technik angeht, auch ohne Gott sehr gut.

Aber wenn wir so denken, dann haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Der Himmel, in den Jesus Christus aufgefahren ist, dieser Himmel ist einerseits ganz weit weg. Aber andererseits auch ganz nah. Im Glaubensbekenntnis heißt es: Jesus Christus, aufgefahren in den Himmel, sitzend zur Rechten Gottes. Aber es heißt weiter: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Gerade in Zeiten, wo Gott fern erscheint, wo es aussieht, als hätte die Welt Gott in den Hintergrund gedrängt – dann ist es wichtig von der Wiederkehr Gottes zu sprechen.

Das biblische Buch der Offenbarung des Johannes stammt aus einer solchen Zeit. Die Christen wurden vom römischen Kaiser Domitian verfolgt und getötet. Von einem Kaiser, der einen totalen Machtanspruch behauptete. Und der in der damals bekannten Welt eine schier grenzenlose Macht besaß. Der von sich selbst sagte, er wäre Gott.

Ich lese aus der Einleitung der Johannesoffenbarung:

Das schreibt Johannes den sieben Gemeinden in der Landschaft Asiens:

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt, und von den sieben Geistern, die da sind vor seinem Thron, und von Jesus Christus, welcher ist der treue Zeuge und Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden! Dem, der uns liebt und erlöst hat von unseren Sünden mit seinem Blut. Und der uns zu Königen und Priestern gemacht hat vor Gott, seinem Vater. Ihm sei Ehre und Gewalt von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Siehe, er kommt mit den Wolken, und es werden ihn sehen alle Augen und alle die ihn durchbohrt haben, und es werden wehklagen um seinetwillen alle Geschlechter der Erde. Ja, Amen.

Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende, spricht Gott der Herr, der da ist, der da war und der da kommt, der Allmächtige.“

Jesus Christus wird aus den Wolken kommen. Der Ewige und Allmächtige. Der Anfang und das Ende. Der da ist, der da war und der da kommt.

Was Johannes den sieben Gemeinden in Asien da schreibt, dass ist ein Zeichen der Hoffnung.

Die Herrscher dieser Welt, wie groß und wie mächtig sie auch sein mögen: Diese Herrscher kommen und sie gehen. Ihre Macht ist zwar groß, aber sie ist begrenzt. Jesus Christus aber kommt und bleibt in Ewigkeit. Er kommt überraschend und unübersehbar wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Er kommt in Friede und Gnade und Liebe.

Er wird Gerechtigkeit schaffen auf dieser Welt. Die an den Rand Gedrängten wird er in die Mitte stellen. Die Unterdrückten ans Licht führen. Bei den Aufgeblasenen wird er die Luft ablassen. Die Großmäuligen zum Nachdenken bringen.

Häufig werden solche Hoffnungen, wie die von der Johannes schreibt, als billige Vertröstung missverstanden. Ja irgendwann später wird Gott mal alles gut machen. Irgendwann später bekommt ihr mal den Lohn für euer Leiden. Bis dahin seid aber schön geduldig und muckt nicht auf. Tragt alles, erduldet alles, aber seid fügsam wie die Schafe, die man zur Schlachtbank führt.

Ohne Frage, diesen Missbrauch hat es gegeben. Oft haben Christen stillgehalten, wenn sie wehren sollten. Geschwiegen, wenn sie protestieren müssten.

Das alles zieht diese Hoffnung auf die Wiederkehr von Jesus Christus in ein schlechtes Licht. Es gibt aber auch andere Beispiele: Diese Hoffnung wurden eine Lebenskraft. Sie hat den ersten Christen geholfen, der Macht eines despotischen Tyrannen standzuhalten, gegen den sie sich einfach nicht wehren konnten. Jesus Christus kommt, aber Kaiser Domitian wird gehen. Und Kaiser Domitian ist gegangen und zu einem weitgehend unbekannten Namen in den Geschichtsbüchern geworden. Die Hoffnung auf Jesus Christus trägt immer noch.

Diese Hoffnung hat Christen zu allen Zeiten auch dazu ermutigt, gegen ungerechte Herrscher auf dieser Welt anzugehen und ihnen den Spiegel vorzuhalten. Sogar dann, wenn diese Herrscher in den Reihen oder an der Spitze der Kirche selbst zu finden waren. Wenn die Kirche selbst im Unrecht verstrickt war.

Durch sein Beispiel, seine Liebe und seinen Geist wirkt Jesus Christus in diese Welt hinein. Damals, heute und in Zukunft. Und er stiftet immer wieder Menschen dazu an, ihm nachzufolgen. Und wo Menschen sich von Jesus zu einem neuen Leben bewegen lassen, da ist der Himmel ganz nah und nicht fern.

Sicher gibt es dabei Rückschläge und Niederlagen, die wir verarbeiten müssen. Aber immerhin wissen wir, wie das Spiel am Ende ausgehen wird. Unsere Misserfolge sind nicht endgültig.

Gerade in Zeiten, in denen die Kraft des Evangeliums in Vergessenheit zu geraten droht, müssen wir daran festhalten. Gerade wenn die Weisheit der Welt den lieben Gott einen guten Mann sein lässt, müssen wir an der Gewissheit des Glaubens festhalten.

Und wenn ein Kosmonaut behauptet, er hat den Himmel durchforscht und Gott nicht gefunden, dann müssen wir die Erinnerung an Gottes Himmel wachhalten, der die ganze Welt durchdringt. Ich schätze mal, der Himmel ist näher, als wir es uns vorstellen können.

Amen.

Das fünfundsechzigste kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

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