Ein kleines Licht am 1. Juni

Trinkgeld für den Pferdeschwanz

Immer wieder montags irgendwas von früher. Leider habe ich von dieser Radioandacht die Aufnahme nicht mehr. Aber gerade diese Reihe gefällt mir trotzdem sehr gut. Dann müsst Ihr eben montags auch noch lesen. Gibt schlimmeres. Diese Radionandacht wurde in der Reihe „Zwischen Himmel und Erde“ am 2. Juni 2016 auf Radion NDR1 Niedersachsen gesendet:

Trinkgeld für den Pferdeschwanz

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Ella, übernimm du mal den Tisch drei. Der Pferdeschwanz ist wieder da.“ Kulturgeschichtsstudent oder so was Ähnliches. Wildlederjacke, Vollbart und eben langes, gegeeltes Haar, zum Pferdeschwanz gebunden. Ein schwieriger Gast. Ungeduldig, unleidig und arrogant bis in die Spitzen seiner geschniegelten Haare.

Könnte ich bitte mal ein sauberes Glas bekommen?“ Dabei ist sein Glas blitzsauber. Ella hat es eben erst noch mal poliert. „Einen schönen Gruß an die Küche! Heute war die Broccoli-Suppe einen Tick zu stark gesalzen“. Dabei kriegt er immer die gleiche Suppe und die kommt direkt aus der Dose.

Und dann rauscht er jede, spätestens jede zweite Woche mit einer anderen jungen Studentin an. Und die faselt er dann voll bis über das Maß des Erträglichen. Und nie, wirklich nie gibt er auch nur einen einzigen Cent Trinkgeld.

Ich bediene den Typen nicht mehr“, sagt Solveig. „Der geht mir so auf die Nerven. Neulich habe ich ihm vor Wut ein bisschen Spülwasser in sein Bier gekippt. ‘Da war dann die Blume nicht so, wie das sein sollte!’“, kichert Solveigh. „Wenn der Chef das mitkriegt, dann fliege ich wegen dem noch raus.“

Lass das mal lieber bleiben“, sagt Ella. „Ich denke, wenn ich zu ihm freundlich bin, wird er vielleicht irgendwann auch mal freundlich zu mir.“ „Der Pferdeschwanz? Eher friert die Hölle zu“, schnaubt Solveigh. „Und selbst wenn er mal aus Versehen nicht so ätzend ist, – Trinkgeld kriegst du von dem nie!“

Och, weiß nicht“, meint Ella, „vielleicht fangen wir das ja nur verkehrt an.“

Als der Pferdeschwanz aufbrechen will, gibt Ella ihm die Rechnung. „19 Euro 30.“ Sie setzt ihr freundlichstes Lächeln auf. Er gibt 20 Euro und wartet auf das Wechselgeld. Ella gibt es ihm. Und dann noch zwei Euro oben drauf. „Wissen Sie was? Sie sind so ein treuer Kunde, heute gebe ich Ihnen mal Trinkgeld.“

Er stutzt und lächelt und versteht. Und dann macht er sein Portemonnaie noch einmal auf.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Das sechsundsiebzigste kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend, außer am Wochenende von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

Rückmeldungen, Fragen oder Anregungen gerne an joergprahler@gmx.de.

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