Ein kleines Licht am 1. Mai

Tag der Arbeitsruhe

Ausgerechnet am Tag der Arbeit musste mein Vater nicht zur Arbeit. Ich weiß noch, wie mir das als Kind immer sehr komisch vorkam.

Später habe ich es dann verstanden: Der 1. Mai ist der Tag der Arbeiterbewegung. Man erinnert an die Rechte und die Verdienste, die frühere Generationen für die Arbeiterklasse und die ArbeitnehmerInnen erstritten haben. Und diese Liste ist lang: Das Verbot von Kinderarbeit, der Acht-Stunden-Tag, die Fünf-Tage-Woche, bezahlter Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitslosenversicherung, Streikrecht, Mitbestimmung, Betriebsräte …

Die Liste ist lang. Und nichts davon oder zumindest das allerwenigste ist den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in den Schoß gefallen. Fast alles ist von früheren Generationen ertrotzt, erkämpft und erstritten worden. Und im 19. und frühen 20. Jahrhundert auch unter großen persönlichen Opfern für Leib und Leben. Damals und später noch unter großen finanziellen Einbußen und mit der Bereitschaft, im Kampf für seine Rechte in bittere Not zu geraten.

Es ist ein Segen, dass gerade in Deutschland die Zeit der großen Kämpfe erst mal vorbei zu sein scheint. Vieles wird inzwischen in Verhandlungen geregelt. Man sucht mit den ArbeitgeberInnen nach Kompromissen, von denen beide Seiten etwas haben. Alle haben verstanden, dass gerechte Löhne und gute Arbeitsbedingungen auch den Betrieben nützen.

Ich bewundere die Leistung unserer Vorfahren im Streit für die Rechte der Arbeiterinnen und Arbeiter. Ich danke allen, die sich heute noch in Gewerkschaften, Betriebsräten und wo auch immer für die Belange von ArbeitnehmerInnen einsetzen.

Historisch betrachtet war das Verhältnis zwischen der Kirche und der Arbeiterbewegung ja lange Zeit alles andere als gut. Die Kirche hatte sich nach ihren Anfängen als Gemeinschaft der SklavInnen, Frauen und Habenichtse sehr bald auf die Seite der Herrscher und der Mächtigen geschlagen. Im Mittelalter hatten Päpste, Kaiser und Könige sehr ähnliche Interessen und die meisten Kirchenfürsten beherrschten ihre Ländereien mit der gleichen Härte wie weltliche Herrscher.

Noch in der Neuzeit stützten sich in Deutschland Kirche und Kaiser gegenseitig. Und die Kirche half fleißig mit, damit das Volk nicht muckte, damit oben und unten sich nicht vermischten und alles ordentlich, still und leise beim alten blieb. Obwohl die Kirche immer auch die Fürsorge für die Armen als ihre Sache angesehen hatte, sollte sich an den Verhältnissen in der Gesellschaft nichts ändern.

Das führte zu einem Bruch mit der in den Städten neu entstandenen Arbeiterschicht. Als die anfingen, sich zu organisieren und für ihre Rechte einzutreten, da sahen sie nicht nur die Obrigkeit, sondern auch die Kirche gegen sich. Für mich ist das eine historische Schuld, der sich die Kirche bisher noch gar nicht offen genug gestellt hat und die längst noch nicht aufgearbeitet ist.

Statt an der Seite der Ausgebeuteten gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen anzukämpfen und christliche Argumente in die Diskussion einzubringen, bezog die Kirche Position gegen die organisierte Arbeiterschaft. Statt an der Verbesserung der Verhältnisse mitzuwirken, wurde gehetzt und verteufelt, beschwichtigt und Kosmetik betrieben. Was wäre möglich gewesen, wenn die Kirche damals ihre Macht, ihren Einfluss, ihre Kontakte und ihre Möglichkeiten anders genutzt hätte?

In unserer Zeit macht die evangelische Kirche vieles besser. In ihren Verlautbarungen und in ihren Denkschriften und mit ihren sozialen Diensten hat sie gerade die Interessen der wirtschaftlich Schwachen im Blick. Und sie verteilt nicht nur Brot an die Armen, sondern sie gibt ihnen auch eine Stimme. Übrigens nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Gerade auch in Ländern der sogenannten Dritten Welt. Das finde ich sehr gut. Diesen Weg sollten wir weitergehen.

Denn eigentlich müsste das Verhältnis zwischen der Kirche und den VertreterInnen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer doch bestens sein. Dass der Mensch nicht nur zum Arbeiten da ist, gehört zu den Grundfesten des jüdischen und dann auch des christlichen Glaubens.

Das erste Arbeiterrecht stammt aus dem Alten Testament und es musste nicht erkämpft werden, sondern es wurde geschenkt.Nach sechs Tagen Arbeit bei der Erschaffung der Welt und des Universums ruhte Gott von allem Tun.

Und Gott erließ dieses Gebot für alle Menschen, dass der siebte Tag der Woche, der Sabbat, frei von Arbeit und von jeder Mühe sein sollte. Für dieses Recht auf einen Tag der Ruhe in jeder Woche gibt es keinen Vorläufer und keinen Vergleich in der frühen Geschichte der Menschheit. Es ist ein Geschenk von Gott an sein Volk Israel und über die Israeliten an die ganze Welt. Keiner soll am Sabbat arbeiten: Kein Mann, keine Frau, kein Kind, keine Sklavin und kein Herr, keine Reiche und kein Armer. Auch für die Ausländer und die Fremden gilt das Recht auf einen Ruhetag. Sogar für die Tiere, die für uns arbeiten.

Dieses erste Geschenk von Gott an die Menschen zeigt, dass das Leben mehr als Arbeit ist. Auch mehr als kaufen, verkaufen und Geschäfte machen. Dass wir Menschen Freiräume brauchen, um uns zu erholen, um uns neu zu besinnen. Auch um Fehler zu sehen und daraus zu lernen. Damit wir auch einen Tag haben für die Familie, für Freunde, um uns untereinander zu treffen.

Wie bei vielen anderen Arbeitnehmerrechten auch werden wir in den nächsten Monaten wach bleiben müssen, um sie zu schützen und zu verteidigen. Der Sonntag wurde uns zwar als einziges Recht geschenkt und musste nicht erkämpft werden. Das heißt aber nicht, dass man den freien Sonntag nicht zusammen mit den anderen Arbeiterrechten gegebenenfalls verteidigen muss.

Das fünfundvierzigste kleine Licht.

Bleiben Sie gesund oder werden Sie gesund.

Ihr Pastor Jörg Prahler

Das “kleine Licht” erscheint jeden Abend auf der Startseite von Evangelisch-im-Wendland.de und auf der Homepage der Kirchengemeinden Damnatz, Langendorf und Quickborn. Sie können diese Andacht, diesen Impuls oder Gedanken gut in ein Abendgebet einbauen. In Damnatz, Langendorf und Quickborn läuten dazu jeden Abend von 19.15 bis 19.20 Uhr die Glocken. Für das Abendgebet können Sie eine Kerze anzünden. Die Kerze können Sie danach um 19.30 Uhr auf ein Fensterbrett in Richtung Straße stellen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung, dass sich zur Zeit ganz viele Menschen in Lüchow-Dannenberg gegenseitig geben.

Meine Oma hat aber gar kein Internet”? Aber du! Es ist ausdrücklich erlaubt, diese Beiträge auszudrucken, zu verschicken, zu teilen oder zu verlinken. Gebt sie gerne an alle weiter, die sich darüber freuen und vor allem an die, die sonst keine Zugang dazu hätten.

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