Worte zur Besinnung – Reformationstag 2026, EJZ am 30.10.2026 – Pastor Michael Ketzenberg, Breselenz
Verehrter Doktor Luther!
Ich hab so viele Fragen an Sie und ich wünschte, wir könnten das in der Ewigkeit mal besprechen, wenn es denn noch von Belang ist. Dass es den Reformationstag als Feiertag gibt, haben Sie gar nicht mehr erlebt. Das begann erst 100 Jahre nach Ihrem Thesenanschlag. Wollten Sie das eigentlich, daß dieses Ereignis gefeiert wird? Und vor allem: Ist Ihnen eigentlich Recht, wie es in den vergangenen Jahrhunderten begangen wurde? Manchmal war das vielleicht in Ihrem Sinne, manchmal wurde Ihr Anliegen aber auch mißbraucht. Die „deutschen Christen“ zum Beispiel haben am Refomationstag 1937 die „Luther-Kirche“ in Lübeck eingeweiht. Oder in diesem Jahr: Haben Sie auch Sorgen, wenn gerade an dem Tag die „GenZ“ zu Demonstrationen aufruft – zwar mit dem Wunsch, dass sie friedlich ablaufen, aber auch mit dem Verweis auf die Demonstrationen in Frankreich als Vorbild. Mir macht das ein bisschen Bauchschmerzen. Nicht die Anliegen, aber das Drumherum. Und: Ist es Ihnen eigentlich Recht, wenn seit Jahrzehnten der Halloween-Brauch den Reformationstag überschattet? Oder lachen Sie vielleicht darüber?
Wie sehen Sie das eigentlich heute, wenn Sie an einige Ihrer Aussagen über das Judentum zurückdenken? Oder an Ihre Aktivitäten in den Bauernkriegen? Vielen Menschen unserer Zeit stößt einiges auf, was Sie damals gesagt oder gemacht haben. Ja, auch Sie waren ein Kind Ihrer Zeit. Und auch Ihr Horizont war begrenzt. Unser ist es auch, auch wenn wir heute mehr wissen als damals. Ob wir klüger geworden sind, bezweifle ich.
Bezweifeln: Das ist ein wichtiges Wort, wenn man ehrlich über Sie nachdenken will. Denn Zweifel gehörten zeitlebens zu Ihrem Leben und zu Ihrem Glauben. Vielleicht können wir Sie nie richtig verstehen, wenn wir nicht auch auf Ihre Zweifel schauen.
So viele Fragen. Und ich kennen Ihre Antworten nicht. Vielleicht höchstens die eine, die in dem allerletzten Satz steckt, den Sie am Tag vor Ihrem Tod zu Papier gebracht haben. Zuvor haben Sie noch beschrieben, wie wichtig Christus alleine für Sie ist – und dann: „Wir sind Bettler, das ist wahr.“ Die Antwort auf meine Fragen, die ich daraus lese, klingt für mich wie „Bleibt demütig. Wir alle sind nicht der Weisheit letzter Schluss.“ Und damit muss ich dann wohl leben. Und ich will von Ihnen lernen, dass Christus der wichtigste in meinem Leben ist und bleibt. Alles andere wird und muss sich finden.
Und so verbleibe ich in Verbundheit: Ihr lutherischer Kollege und Bruder Michael Ketzenberg
