Ein „Mut-Ort“ für Demokratie: Kirche und Zivilgesellschaft beraten in Hitzacker über Rechtsextremismus und Polarisierung

Wie können Kirche und Zivilgesellschaft Rechtsextremismus und politischer Polarisierung begegnen? Beim Fachtag „Haltung zeigen, Bündnisse stärken“ am 26. September in Hitzacker ging es um Menschenwürde und demokratische Verantwortung, um Widerspruch und Gespräch. Dabei zeigte sich die zentrale Erfahrung: Niemand muss allein handeln.

Rund 200 Menschen aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft kamen am Samstag zusammen, um sich über den Umgang mit Rechtsextremismus und politischer Polarisierung, die Bedeutung von Menschenwürde und den Schutz der Demokratie auszutauschen, Orientierung zu gewinnen und neue Verbindungen zu knüpfen. Insgesamt waren 14 Bündnisse und Initiativen beteiligt.Veranstaltet wurde der Fachtag vom Sprengel Lüneburg und den Kirchenkreisen Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg. Zu den Mitwirkenden gehörten unter anderem Regionalbischöfin Marianne Gorka, die Pröpstinnen Wiebke Vielhauer und Anna Kempe, die Superintendenten Christian Cordes und Christian Stasch, der Jurist Prof. Dr. Christoph Goos, die Journalistin und Autorin Ruth Hoffmann, der Rechtsextremismusbeauftragte des Landkreises Lüneburg Dominique Haas sowie Vertreter verschiedener demokratischer Initiativen und Bündnisse.

Regionalbischöfin Marianne Gorka hatte bereits im Vorfeld betont: „Wir müssen uns miteinander vernetzen, voneinander lernen und den Mut finden, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.“ Superintendentin Anna Kempe formulierte zu Beginn einen Grundgedanken des Tages: „Kein Mensch ist weniger wert als ein anderer.“ Es brauche eine klare Haltung zum Schutz der Würde aller Menschen und Widerspruch dort, wo es nötig sei. Kirche betreibe keine Parteipolitik, sagte Kempe. Eine politische Neutralität könne jedoch nicht bedeuten, dass Kirche schweigt, wenn Menschen abgewertet und ausgegrenzt oder demokratische Grundwerte angegriffen werden. Der Einsatz für die Menschenwürde folge für Kempe unmittelbar aus dem christlichen Menschenbild: Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes.

Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaat

Eine verfassungsrechtliche Perspektive brachte Prof. Dr. Christoph Goos, Juristischer Vizepräsident der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, ein. Er beschrieb Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit als Kern der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Zugleich machte Goos deutlich, dass die Kirche am politischen Diskurs teilnehmen darf. Er brachte es auf die Formel: „Keine Pflicht zur Neutralität, Recht zur Positionalität!“ Grenzen kirchlicher Äußerungen seien insbesondere das Gebot der Sachlichkeit, das Verbot der Schmähung und die Persönlichkeitsrechte Betroffener. Auch die Debatte um ein mögliches AfD-Verbotsverfahren thematisierte Goos. Er vertrat die Position, dass die verfassungsrechtliche Prüfung dem Bundesverfassungsgericht übertragen werden sollte. Ob die Voraussetzungen für ein Parteiverbot tatsächlich vorliegen, habe allein das Gericht zu entscheiden.

Wann reden – wann widersprechen?

Wie Haltung im Alltag aussehen kann, stand im Mittelpunkt der Podiumsdiskussion mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen, die sich im Alltag mit Rechtsextremismus auseinandersetzen (müssen). Klar wurde: Eine Strategie für jede Situation gibt es nicht. Gespräche können sinnvoll sein, wo Menschen für Argumente erreichbar sind. Argumentations- und Haltungstrainings können dabei helfen, auch in schwierigen Situationen sprach- und handlungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig gilt es, Grenzen zu erkennen: Bei gefestigten menschenfeindlichen oder rechtsextremen Positionen kann klarer Widerspruch notwendig sein. Erfahrungsberichte von Anfeindungen, Hass in sozialen Netzwerken und rechtsextremen Strukturen in kleinen Orten zeigten, wie konkret diese Herausforderungen sind.

Dabei ging es auch um die Frage, wie demokratisch Engagierte vor Ort sichtbar und präsent bleiben können. Ingrid Bergschmidt von den „Omas gegen Rechts“ brachte die Beharrlichkeit, die dafür nötig ist, auf eine kurze Formel: „Aufgeben ist keine Option.“ Als zur Sprache kam, dass völkische Siedler sich vor Ort etwa bei Schulveranstaltungen als „Kümmerer“ präsentieren und auf diese Weise gesellschaftliche Räume besetzen, riet Martin Raabe von der Gruppe „Beherzt“: „Backt mehr Kuchen!“ – also selbst präsent sein, sich einbringen und das Gestalten von Gemeinschaft aktiv übernehmen und nicht anderen überlassen.

Der Blick dürfe aber nicht nur auf diejenigen gerichtet sein, die demokratische Werte infrage stellen. Ebenso wichtig sind Menschen, die von Rassismus, Antisemitismus und anderen Formen der Menschenfeindlichkeit betroffen sind, sowie diejenigen, die sich beruflich oder ehrenamtlich für demokratische Werte einsetzen.

Haltung braucht auch Regeln

Die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus betrifft auch das kirchliche Recht. Für Kirchenvorstände bestehen beispielsweise Ausschlussgründe, wenn öffentlich Auffassungen vertreten werden, die dem Auftrag der Kirche oder den Grundsätzen ihrer Ordnung widersprechen. Menschenfeindliche, rassistische oder antisemitische Äußerungen werden dabei ausdrücklich als unvereinbar mit christlichen Werten benannt. Die bloße Mitgliedschaft in einer erlaubten politischen Partei reicht nach den derzeitigen Bestimmungen allein nicht aus. Die Landessynode hat im Juni 2026 beschlossen, prüfen zu lassen, wie die bestehenden Regelungen angesichts gesellschaftlicher Entwicklungen weiterentwickelt werden können. Damit wurde deutlich: Haltung ist nicht nur eine Frage persönlicher Überzeugung. Auch Institutionen müssen klären, wofür sie stehen und wie sie Haupt- und Ehrenamtliche unterstützen.

Bündnisse stärken

Ein Gedanke zog sich durch den gesamten Tag: Wer sich für Menschenwürde und Demokratie einsetzt, muss dies nicht allein tun. Beratungsstellen, zivilgesellschaftliche Initiativen, Kirchengemeinden, Schulen, Kommunen, Gewerkschaften, demokratische Parteien und engagierte Einzelpersonen bringen unterschiedliche Erfahrungen und Handlungsmöglichkeiten mit. Vernetzung hilft, Wissen zu teilen, Unterstützung zu organisieren und Menschen vor Ort zu stärken. Auch in Lüchow-Dannenberg wird an einem breiten Demokratiebündnis gearbeitet. Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und über das ganze demokratische Parteienspektrum hinweg wollen gemeinsam für Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und ein respektvolles Miteinander eintreten.

Am Schluss bezeichnete eine Teilnehmerin den Fachtag als „Mut-Ort“: einen Ort, an dem aus Begegnungen neue Energie entstehen kann. Der Fachtag in Hitzacker machte damit deutlich: Menschen, die sich vor Ort für Demokratie und Menschenwürde einsetzen, müssen diese Verantwortung nicht allein tragen. Vernetzung, gegenseitiges Lernen und demokratische Bündnisse können Unterstützung und Handlungsmöglichkeiten schaffen – und Kirche ist in vielfältigen Formen mittendrin dabei.